Vom Kalb zur Milchkuh – Kälberaufzucht heute

„Kälberaufzucht“, darum ging es in der Unterrichtsreihe, die unsere Landwirte-Klasse L2 seit den zurückliegenden Sommerferien im Unterricht bei Fachlehrerin Katrin Reckert bearbeitet hatte. Umso besser natürlich, wenn zusätzlich zum in der Schule vermittelten theoretischen Wissen ein konkreter Praxisbezug hergestellt wird und dabei auch verschiedene Fächer integriert werden (hier das Fach Deutsch bei Herrn Haenzel).

Hofbesuch Reckert 2021 001

Bevor es in die Ställe ging, mussten natürlich aus Infektionsschutzgründen Überzieher aus Plastik über die Schuhe gezogen werden.

Langes Herumfragen in der Klasse war übrigens auch gar nicht nötig, als Katrin Reckert vor wenigen Wochen einen Betrieb suchte, der für unsere Klasse L2 seine Hoftüren öffnen würde, denn Florian Schlotmann, Auszubildender der L2, konnte letztendlich recht schnell für die ganze Klasse einen Fachbesuch in seinem Ausbildungsbetrieb Frank Hötger/Balve für den 7. Oktober 2021 einfädeln.

Hofbesuch Reckert 2021 010

Hofbesitzer Frank Hötger (links) und Fachlehrerin Katrin Reckert im Fachgespräch mit den Schülern der Klasse L2

Die Führung durch den Betrieb unter der großen Überschrift „Moderne Kälberaufzucht vom Abkalbestall bis zur trächtigen Färse“ übernahmen selbstverständlich Hofbesitzer Frank Hötger und Ehefrau Iris sowie ihr Auszubildender Florian Schlotmann.
Zu oft, das zeigte einmal mehr der Rundgang über den landwirtschaftlichen Betrieb, vergessen gerade Menschen, die wenig mit der Landwirtschaft zu tun haben, wie selbstverständlich neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen Einzug in die Agrarwirtschaft gehalten haben: Zum einen die Genetik, denn wie in anderen Betrieben auch wird auf dem Hof von Frank und Iris Hötger von den ganz jungen Kälbern ein genetischer Fingerabdruck erhoben, da die genomische Analyse mit 90-prozentiger Sicherheit eine Aussage über beispielsweise die erwartbare Milchleistung, die Fruchtbarkeit oder auch die Tiergesundheit machen kann.

Hofbesuch Reckert 2021 009

Iris Hötger mit einem Kalb der Rasse Deutsche Holstein, von dem man aufgrund einer Genomanalyse schon heute weiß, dass es als erwachsene Kuh Top-Leistungsmerkmale aufweisen wird.

Andererseits fließen auf dem Hof der Hötgers auch Erkenntnisse aus der Herdensoziologie mit ein, denn die Milchkühe bleiben vor der Abkalbung in festen 5er-Gruppen zusammen, um unnötige Rangkämpfe und Stress vor der Abkalbung zu verhindern. Bei den ganz jungen Kälbern setzen Frank und Iris Hötger auf das paarweise Aufstallen, denn indem die kleinen Kälber zu zweit in einem Kälberiglu aufwachsen, haben diese soziale und kognitive Vorteile, fressen aufgrund des Futterneides mehr Starterfutter und weisen daher auch bessere Zuwächse auf.

Zudem kommt auf dem Hof das hochmoderne coloQuick-System zum Einsatz. Dieses System ermöglicht es, die Erstmilch (das sogenannte Kolostrum), die vor Wochen oder Monaten eingefroren wurde, ganz schonend, aber trotzdem nur binnen einer halben Stunde auf 37 Grad Celsius zu erhitzen, damit das frischgeborene Kalb unmittelbar nach seiner Geburt diese sogenannte Erstmilch bekommt, die essentielle Immunkomponenten für den Start ins Leben enthält.
Klar, all dieses ist nur möglich, weil der Professionalisierungsgrad unserer modernen Landwirtschaft weitaus höher ist als beispielsweise in den 50er-Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts. So verfügt der Betrieb von Frank Hötger über eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 135 ha, und in seinen Ställen befinden sich allein 260 Milchkühe.

Hofbesuch Reckert 2021 006

Forian Schlotmann erläutert das colo-Quick-System.

Aber trotz dieser durchaus intensiven Milchviehhaltung ist es dennoch möglich, so wurde bei dem Hofrundgang deutlich, einen Milchviehbetrieb mit ganz verschiedenen Milchviehrassen (Jersey-Kühe, Deutsche Holsteins, Braunvieh) mit Familienanschluss für die Tiere zu organisieren.

Hofbesuch Reckert 2021 008

Für das Fach Deutsch war übrigens Tim Haenzel mit dabei, denn die Auszubildenden werden im Fach Deutsch als Leistungsnachweis einen Bericht über den Hofbesuch anfertigen.

Hofbesuch Reckert 2021 011

250 Milchkühe stehen in den Ställen von Frank und Iris Hötger.

Hofbesuch Reckert 2021 012

Futterverteilung heutzutage nur noch per Radlader, denn die Tagesrationen, die eine Milchkuh braucht, sind gewaltig: Eine Mischration besteht aus Grassilage, Maissilage, Eiweißfutter, Energiefutter sowie Spezialmineralfutter – die Trockenmasseaufnahme liegt ungefähr bei 20 kg je Kuh je Tag.

Hofbesuch Reckert 2021 007

Hofbesitzer Frank Hötger

Übrigens ging es nach dem Besuch des Hofs Hötger nur ein kleines Stück weiter zum Betrieb „Sorpemilch“ GbR, wo den Auszubildenden u.a. auch noch ein hochmodernes Melkkarussell gezeigt wurde.

(Text und Fotos: Clas Möller)